MIROSLAVA SVOLIKOVA THEATER TEXT /// VISUAL ARTS
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Besetzung:

europa

und
der stier
chor der schwestern
die schwestern der zeit
das leben
die kleinen könige
der gelehrte
zwei bauern
ein kind
ein conquistador
ein priester
ein pfarrer
chor der putzkolonnen
der regenbogen
der wissenschaftler
chor der wissbegierigen
die kinder

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die kleinen könige:
ich habe recht.
wir haben recht.
/wir haben das recht/
wir haben recht, weil wir gewonnen haben.
wir haben recht, seht ihr das nicht.
wir haben das recht, seht ihr uns denn nicht.
ich bin der könig. alle anderen sind gestorben über meinem schwert.
ich bin der könig, alle anderen sind gestorben unter meinem schwert.
ich bin der könig, alle anderen sind gestorben durch mein schwert.
zeigen jeweils ihre kinderschwerter dabei hoch.
wir sind eine kleine runde an kleinen königen.
wir gehen immer im kreis.
wer als letzter noch steht, hat verloren.
du hast verloren.
alle haben verloren, alle haben ihr leben verloren.
die anderen haben alle verloren, die anderen haben alle ihr leben verloren.
gewonnen!
gewonnen!

++

der gelehrte: das individuum, das individuum, das individuum muss selber, das individuum muss selber, eigenverantwortung! das individuum muss selber, selber eigenverantwortung!
europa: ich verstehe. willkommen beim karneval der wirklichkeit!
der gelehrte: das individuum, selber, muss selber, muss, selber muss, muss selber!
europa: das individuum!
der gelehrte: halten wir fest: das individuum, halten wir fest, das individuum! halten wir fest, ̶ halten wir das individuum fest!
europa: heut ist karneval, heut ist alles erlaubt!
der gelehrte:
das in-
das in-
das indi-
pause
das muss auch erst mal rauskommen. das individuum!

++

europa bewirft die ballgäste mit kuchen. gerechtigkeit für alle!
die ballgäste feuern mit brot zurück. brot fliegt auf die bühne. europa duckt sich.
der gelehrte: vorsicht, vorsicht! die kommen aber schroff daher mit ihrer gerechtigkeit.
europa: huch! duckt sich. ich hab mein bestes kleid an! das brot macht immerhin keine flecken.

++

europa hebt das kleid hoch, darunter ist ihr rumpf übersäht mit zitzen. zeigt dem publikum ihre zitzen. putt putt putt!

++

zwei bauern:
tatsächlich. betrachtet seine hände. ich habe meine finger verloren, beim umgraben der erde.
ich ja auch. betrachet ebenfalls seine hände.
ich wollte nur die erde umgraben, wie generationen vor mir es getan haben. da habe ich sie verloren, in der erde drin. ein zweites paar habe ich nicht bekommen.
ich habe auch kein zweites paar mehr bekommen. gibt nur ein leben, hab ich gehört.
sie sind zerbröselt und verlorengegangen.
die erde ist nicht mehr unser freund.
das land auch nicht.
das ganze land hat uns verraten.
das ganze.
inschallah.
ich bin das volk!
das volk!
wir sind das volk.
das volk!
volk!
ich auch!
ich auch.
inschallah!
allah.
was?
ja!
ja.
ja?

++

europa: putt putt putt!
die milch ist mir ausgegangen, da ist keine milch mehr in diesen brüsten drin, da ist nichts drin, in den brüsten ist nichts mehr drin, in den brüsten ist nur silikon drin! sieht das denn keiner?
puttputtputtputtputt
puttputtputtputt
puttputtputt
puttputt
lässt das kleid wieder fallen.

++

im wald:
/die zeit hat uns!/
die zeit hat uns ausgespuckt
die zeit hat uns ausgespuckt, und jetzt zappeln wir
die zeit hat uns ausgespuckt, und jetzt zappeln und zucken wir
/wir zucken und zappeln und zetern/
/wir suchen und sabbern und seepferd/
wir sehnen und singen.
wir jauchzen und glucksen und springen.
ich sehne mich.
ich dehne mich.
ich hüpf und übergebe mich.


++

europa: ein kleiner kollateralschaden, nichts weiter. klar, nichts weiter. weiter gehts. es geht immer weiter, es muss immer weitergehn.

++

die kinder:
du darfst nicht sterben!
nein stirb nicht!
rütteln an ihr.

europa:
warum?

die kinder:
wir wollen es dir erzählen. hör uns an. hör unsere lösung an.
wir erfinden dich neu. wir erfinden alles neu!

ich hab jetzt schon etwas erfunden nimmt einen laptop - das kann mithilfe von zahlen alles verändern - wenn alles kaputt zu gehen droht, dann berechnet das alles neu, und dann planen wir alles neu danach.

ich habe auch etwas erfunden kennst du das schon? nimmt ein pflaster schau, damit kann man den körper heilen, wenn er kaputt geht.

europa:
ihr rührenden kinder. das gehört zum leben auch dazu, dass es kaputt geht und aufhört und sich wandelt. niemand ist für immer da. ich hatte heute abend meinen auftritt und morgen muss ich wieder untergehen. ich habe mich abgefunden damit, vielleicht müsst ihr es auch. vielleicht kommt etwas anderes, nach mir.

die kinder:
aber das wollen wir nicht. nein, das wollen wir nicht.
wir haben jetzt schon gesagt, dass wir deine kinder sind.
schau doch nur, unsere erfindungen! und ich habe noch etwas, schau, schau, seife!

europa:
rührend seid ihr.

die kinder:
schaut, was ich erfunden habe, das leuchtet!
und ich hab hier was, das bewegt sich.
sie ziehen immer mehr dinge hervor, und schmeißen sie auf den boden. irgendwann ist der bühnenboden voll mit dingen.
kein problem, ich habe etwas erfunden, da kann man alles rein tun, was man nicht mehr braucht. ich nenne es mistkübel. tun alles in den mistkübel.
das ist bis jetzt die beste erfindung von allen!
alle nicken zustimmend.
das ist auf jeden fall die beste.
so kann man immer neue sachen erfinden!
da kann man alles reintun, was man nicht mehr braucht. siehst du?

europa:
hört auf, hört doch auf!

die kinder:
nein, nein!
wir hören nicht auf, wir hören nicht auf, das neue zu erfinden, wir erfinden so lange weiter, bis die welt eine richtige welt, bis die welt eine richtige welt geworden ist!



EUROPA FLIEHT NACH EUROPA, Suhrkamp Theater, 2017


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am anfang war eine ordnung und ein chaos, und die zwei trennten sich, und da war eine grenze. du, wir passen nicht mehr zusammen, sagt die ordnung zum chaos, und das chaos ist traurig; und alle tage dazwischen platzen heraus, plötzlich, und in die welt hinein, und die welt teilt sich in tage und in zeit. seid ihr bereit? und die ordnung und das chaos raufen sich nocheinmal zusammen, und stellen eine sonne auf, damit tag ist, und einen mond, damit nacht ist, damit nicht immer dasselbe ist. die tage wechseln sich ab und befreunden sich mit der zeit. die grenze legt sich zwischen das chaos und die ordnung, und die welt wird unheimlich kompliziert. wir sind nicht füreinander gemacht, sagt die ordnung, und das chaos weint und die grenze schaut weg, und aus der tasche fällt ihr ein lineal.

geht man eine grenze entlang, kommt sie mit, herrgott, das ist alles so kompliziert, legt sich ins bett zu chaos und unordnung dazu, bitte entschuldige, das ist alles schon so, auch ohne dich alles schon so unendlich kompliziert; sagt die grenze, dafür bin ich ja da, ich mach es einfacher, ich mach alles so viel einfacher, schaut nur einmal her. links, rechts, links, rechts, rechts, links, seht ihr nicht?


SIND NICHT GEMACHT FÜREINANDER, SAGT DIE ORDNUNG UND DAS CHAOS WEINT
(kurzes zu transit und leben), Transit Transit/ Spielzeitheft HLTM


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was denkt sich der körper von sich selber eigentlich. das weiß man gar nicht so genau. weil der hat da vielleicht schon ein anderes verständnis davon, der hat da vielleicht immer schon ein anderes verständnis von sich. der sieht sich ja jeden tag. der sieht sich natürlich scheitern. scheitern und altern. der sieht sich grimassen ziehn, und lacht über sich selbst. ich meine, der macht einiges mit, aber wie lange.

vielleicht ist noch was anderes drin in dem körper, vielleicht ist da noch ein gehirn drin irgendwo, das auch mal rausschaut. hallo. oder eine wahrnehmung. oder irgendwas. vielleicht sitzt da irgendwo ein mensch drin, hallo, ein mensch, manchmal. vielleicht sitzt da irgendwo eine ganze gruppe menschen drin. oder eine gruppe papageien. eine gruppe papageien, die redet den ganzen tag. das reicht ja auch schon.

der frauenkörper ist jung und räkelt sich und verspricht und verkauft uns etwas. der frauenkörper trägt ein geheimnis. das enigma des frauenköpers ist, dass er etwas schafft, dass er begehren, dass er leben schafft. der frauenkörper schafft einen mehrwert. mehrwert ist, wenn mehr rauskommt, als man reintut.


DER FRAUENKÖRPER IM MULTIKOPF, 2017, logbuch surhkamp >>>>>


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figur 1 : ja guten tag, also ich bewerbe mich immer bei vielen ausschreibungen. ich habe mich ja schon bei vielen ausschreibungen beworben. ich bewerbe mich immer, und vielleicht ist irgendwann irgendwas dabei. ich habe internationale entwicklung studiert und ich würde gerne karierte machen. also ich wäre gern dabei. also ein teil. ein teil vom mittelteil, also vom mittelbau, ist mir alles recht.

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figur 1: was in der ausschreibung drinsteht, kann nicht falsch sein, weil ich sie gewonnen habe.
figur 2: wir haben die ausschreibung gewonnen, also muss sie wahr sein.
figur 3: wir sind alle hergekommen, daher wird es schon stimmen, was in der ausschreibung steht.
figur 2: die ausschreibung kann nicht falsch sein, denn wir haben sie alle gelesen.
figur 3: das ist mein sieb. das stand sicher in der ausschreibung.

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der stein:
ich lag schon sehr lange da. ich war teil der bodengestaltung. dann kam jemand, und hat den boden aufgewühlt. jemand hat den boden aufgewühlt, in dem ich gelegen bin, dann ist jemand weggegangen, und jemand anderer gekommen, und hat mich mitgenommen. das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. ich habe mit dieser geschichte im grunde genommen nichts zu tun. seitdem bin ich aber trotzdem hier, und jetzt teil dieses museums. gefragt hat mich niemand, aber ich bin jetzt hier. erklären kann ich nichts, aber ich bin teil der einrichtung geworden. wenn mich jemand fragen würde, was ich gesagt hätte, wenn man mich gefragt hätte, was ich dazu zu sagen habe, dann wäre meine antwort gewesen: ich habe nichts zu sagen, ich bin nur ein stein.

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der stern:
mein gott. dann wache ich auf aus meinen tagträumen. ich hänge halb aus dem bett. das bett ist viel zu schmal für mich. was hast du dir wieder gedacht, denke ich mir. das bett ist viel zu schmal, ich bin doch ein stern.

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die putzkraft: prolog. anmerkungen:

eine szene.
eine szene hat ein eigenleben.
eine szene hat uns viel zu sagen.
wenn eine szene spricht, haben die anderen szenen zu schweigen.
eine szene soll nicht zu lange dauern, aber auch nicht zu kurz.
szenen, die zu lange dauern, kann man ein bisschen kürzer machen.
szenen, die nicht lang genug sind, kann man ein bisschen länger machen.
ist eine szene an der reihe, so hat sie gültigkeit.
ist die szene nicht mehr an der reihe, verliert sich ihre gültigkeit nicht.
eine szene hebt nicht die andere szene in ihrer gültigkeit auf.
alle szenen sind gleich.

die figuren.
die figuren sind da und wollen auch was sagen.
die figuren sind solange da, solange die szene dauert.

die handlung.
der handlung läuft den figuren voraus.
die szenen laufen mit den figuren mit.
die zeit schaut beim ablauf der abfolge zu.
die abfolge des ablaufs ergibt die handlung.
die handlung gibt nichts an die hand.
die hand die füttert, soll man nicht beißen.
die katze beißt sich selbst in den schwanz.

das stück.
das ist ein stück.


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institution: ich bin die institution, ich bin die institution, ich piep dich von vorne, ich mach dich onion! ich piep dich von hinten, ich piep piep piep, ich hab euch alle lieb. ich mach die ganze piep, ich piep die ganze piep, ich mach die ganze piep, piep in meinem piep, piep piep piep! piep piep piep piep piep! piep piep piep piep piep! wir werden alle gepiept, ihrwerdet alle gepiept. alles ist verpiept, wir werden alle gepiept, wir werden alle gepiept, ihr werdet alle gepiept, ihr werdet alle gepiept, wir werden alle gepiept!!!

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der stern:
wo war ich? in der pause am schulhof. in der pause am schulhof tauschen wir äpfel gegen birnen, um früh schon wettbewerbsfähig zu werden. es ist so, dass die wettbewerbsfähigkeit eigentlich das wichtigste ist, was man im kindergarten lernt. lesen und rechnen, das machen alles die kompuputer. aber dass man sich hinstellt und sagt: ich bin zu kaufen! mich kann man kaufen! das ist die zukunft.

ich will das alles nicht. ich wollte lieber gemeinsam basteln. ich habe schon im kindergarten gesagt, schaut mal, ihr kinder - also im kindergarten war das - der kindergarten ist schon ganz kaputt! da muss man was tun! den muss man reparieren, habe ich gesagt. schaut, die tiere werden schon ganz krank, die bäume nehmen die wurzeln aus dem boden und laufen davon, und laufen in die nächste papiermaschine hinein, und die sonne ist schon so hell, und wird immer heller, immer heller, zum beispiel.

also zum beispiel jetzt, ist nur ein beispiel. ich hatte eine sehr lebhafte fanatastie, im kindergarten. dann hat man sich durchgerungen, und man hat gesagt, in den kindergarten dürfen keine schusswaffen rein. das ist ein sehr fortschrittlicher kinder-garten, hat man gesagt, da wird nicht geschossen. alle waren stolz, dass im kinder- garten nicht geschossen wird, sondern erst in der volksschule. und ich habe nicht mal gewusst, dass da geschossen worden ist, ich habe was ganz was anderes gemeint, ich habe gemeint, dass alles kaputtgeht! dass wir untergehen! keine schusswaffen! wo kommen überhaupt die schusswaffen her, habe ich gesagt.

dann hat die kindergartenpädagogin gesagt, ich soll nicht so viele fragen stellen. na gut, na gut, habe ich gesagt, dann warte ich noch, dann warte ich, bis ich älter bin. dann werde ich fragen stellen! so lang wird die kindergartenpädagogin nämlich gar nicht leben, bis ich alt bin. sterne werden nämlich jahrmillionen jahre alt. wenn man sie sieht, dann sind sie eigentlich schon tot. dann sind sie eigentlich schon seit jahrmilliarden von jahren längst tot. das konnte ich der kindergartenpädagogin aber nicht erklären, das hätte sie nicht verstanden.

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figur 3:
darf man sich etwas von der käseplatte nehmen?

hologramm:
nein. das ist eine historische käseplatte. das ist ein exponat.


DIESE MAUER FASST SICH SELBST ZUSAMMEN UND DER STERN HAT GESPROCHEN, DER STERN HAT AUCH WAS GESAGT. Suhrkamp Theater, 2016


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BERICHTE VON DRÜBEN

gegenüber gehen schon die lichter aus, da stellt sich einer ans fenster,
und starrt vor sich hin, ganz lang, bis er mit dem fensterglas verschmilzt,
und dahinter ausgespuckt wird:
jetzt läuft er im dunkel den rasen entlang,
und ich winke ihm zu, aber auch nur solang meine hand
nicht an der scheibe bricht, immer und immer wieder:
irgendwann hängt die hand schon vom knöchel,
irgendwann ist es die hand, die bricht.
das winken hat gegen das fenster geschlagen,
das winken der hand hat zu oft und zu fest gegen das glas des fensters geschlagen:
die durchsicht des glases hat die bewegung der hand erschlagen:
die hand ist mir im winken erschlafft,
die hand ist im falschen winkel und nur wegen dem fenster erschlafft,
der mann ist verschmolzen mit dem glas,
der mann läuft über den rasen, verfolgt vom licht,
ich klopfe von innen gegen das glas,
die sirenen jaulen, die sirenen hat jemand am nacken hochgezogen
und gegen die wand geschleudert, die sirenen jodeln,
die sirenen jodeln das vaterlandslied,
die sirenen sind auf der flucht, die sirenen sind auf der jagd,
die sirenen sind losgerannt als ob es ihr einziges leben wär:
der mann stolpert, der mann stolpert und bricht,
das licht geht an über ihm, das licht der scheinwerfer wird auf ihn gerichtet,
der mann öffnet den mund, das licht der scheinwerfer explodiert
in seinem aug, sein gesicht ist erstarrt, jemand hat die sirenen
angemacht, es ist vorbei, er hebt die hand:
ich stehe vor dem fenster, gegenüber stand ein mann vor der scheibe,
ich sah kurz weg, das licht ging aus, er erschien auf dem rasen.

FRÜCHTE AM BODEN I

in einer wiese liegen die früchte am boden, gefallenes licht, und licht, das sich an äste klammert; und kinder mit schrammen rollen vorbei und weinen. jemand schiebt einen fluch vor sich her, jemand lässt einen stein fallen, in die am boden verteilte musik, in die ich meine finger tunke, die müde hand. hinter uns winkt uns eine mit ihrem taschentuch zu: plötzlich ist nichts mehr belanglos. in der pfütze das licht, das sich sammelt, und auf der station, jemand, der malt mit dem schuh eine erzählung hinein. „hier bin ich.“ nimm deinen schuh aus dem wort, setze den punkt und werfe den stein, einen letzten, knapp an der erkenntnis vorbei: über die körnung des asphaltes zieht schon der tag.

FRÜCHTE AM BODEN II

wir sitzen in einer wiese, um uns herum die reifen früchte am boden, und pullover, die einer fallen ließ. auf der netzhaut, die wolke, zwischen den lippen, ein haar, eine arie, fliegender samen, sommerschnee. auf der wiese verstreut unsere kleidung, die im pulloverärmel verfangene ferse, den finger zwischen die zehen gesteckt. und lichtpfützen, die ihre schneisen in den rasen schlagen, die mit dem rasen kämpfen, mit den kleinen schatten, unter den kleinen halmen: hier kämpft das dunkel, und hier kämpft das licht. die ameisen formen ein fell auf der schmutzigen tasse. der rest semmel hinterm zahn, eingeweicht, ein fussel der sich nicht vom kleid abziehen lässt, eine holprige grüne fläche mit zwei arten von weiß darauf, blümchen im kleid aus weißen honigzipfeln, das abzählen deiner irisstäbchen: nichts ist jetzt noch belanglos. jemand fährt mit dem ärmel in den augenblick hinein beim formulieren der wörter. die hände sind voll mit momenten. bei jedem lächeln fällt ein stück farbe in den mund. nehmen wir die farbe, aus der mitte, vom mund, und reiben sie in den moment.


GEDICHTE, manuskripte 221, Zeitschrift für Literatur


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der theatersaal denkt die körper der zuschauer mit. die körper im saal sind traurig oder erregt, müde oder amüsiert, sie husten, lachen oder verlassen den saal. es gibt eine reaktion, die sich durch den körper niederschlägt, durch unruhe, anspannung, ausgelassenheit. durch angespannte aufmerksamkeit, indifferenz oder heiterkeit. die vielen körper erzeugen etwas, das nur für die dauer der vorstellung existiert.

das theater ist anachronistisch: es ist nicht teil einer bestimmten zeit, es ist teil jeder zeit. die zeitform des theaters lautet: immer wieder und nur genau jetzt, seit langem schon und noch nie so.

im theater berühren sich zeitlosigkeit und aktualität, flüchtigkeit und wiederholung. theater ist zeitloses durch die haut der vergänglichkeit, ephemeres durch die haut der institution.

das theater ist körperhaft, wie die stimme, wie der raum, wie das licht. das theater ist nicht digital. das digitale ist auf den körper nicht angewiesen. das digitale vervielfältigt die information und isoliert die körper. der digitale inhalt bedenkt die körper der zuschauer nicht mit. der digitale inhalt zirkuliert unabhängig von der physischen präsenz und aufmerksamkeit der zuschauer. er genügt sich selbst, er bildet einen zweiten raum, in den der körper keinen zutritt hat.


EIN TEMPORÄRER KÖRPER FÜR DIE KÖRPER DER ZUSCHAUER, logbuch suhrkamp onlinemagazin >>>>>


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im grunde gibt es nichts zu sagen, aber gesprochen wird viel.
gesprochen wird viel, und dann fällt es runter irgendwo und verklumpt.
gesprochen wird viel, und dann liegt es rum irgendwo.
hier ist schon viel gesprochen worden. hier wurde schon einiges gesagt, in den boden hinein.
dann hat einer rumgetreten drauf und feste erde daraus gemacht.
auf so einem boden steht man immer nur so gut man kann.
so gut es geht.
wer weiß auf welchem grund man da steht.
da sitzt es sich gut.

wer weiß aus was für einem boden man da wächst, oder was das für eine erde ist, in der wir da stehn, oder
kennt schon den grund, den grund für oder von oder gegen irgendwas.

++

der regen steht in den löchern und nur pfützen bleiben, nur pfützen bleiben am schluss, nichts als pfützen, ein ganzer platz voll mit pfützen,
pfützen und pfützen! nichts bleibt am ende, als eine pfütze! am ende bleibt eine pfütze, und sonst nichts, pfütze!

(pause)

pfütze!

pfütze.

pfütze.

++

der war vornübergebeugt und in sich selber zusammengedrückt.
der war so zusammengepresst, dass in der mitte des körpers nur noch ein schatten war.
im dunkel der kneipe hat er ein noch größeres dunkel erzeugt.
den eigenen schatten hielt er in der kneipe fest.


++

man spürt es fast schon keimen.
man spürt fast schon, dass es keimt, wenn man da so sitzt.
es keimt einem fast schon von unten hinein, wenn man da so in der mulde und auf der eigenen hoffnung drauf sitzt.
wenn man da wirklich lange so in der mulde drinsitzt, dann keimt einem die hoffnung von unten und in einen fast schon hinein.
wir sitzen gerne da.
wir sitzen sehr gerne hier.
wir sitzen hier gern.

++

am fortsatz des gestreckten armes lässt sich der finger ausfahren. fährt der finger aus, ist es, als zeige einer mit dem pfeil auf einen anderen. ist einmal so der pfeil auf einen gerichtet, weiß jeder, wo er draufprügeln muss.


DIE HOCKENDEN, Suhrkamp Theater 2015


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da geht man dann entlang, knöcheltief im wasser, und zieht mit dem finger die grenzen entlang, die landesgrenzen,
und kontinentengrenzen, und gezeitengrenzen, und wohlstandsgrenzen, und endzeitgrenzen, und wenn man nicht mehr hineinkommt,
dann wirft man den finger nach, dass zumindest der finger drin ist, dass zumindest ein fingerzeig darauf verweist, dass wir auch da sind, sagen die einen.
der finger liegt blutend in irgendeinem land, und wir lachen. als ob das eine geschichte erzählt, als ob das aussagt, etwas, später,
wenn die anderen sich erinnern werden an uns. wer wird das sein.


DIE FINGER INS LAND WERFEN, Burgmagazin, März/April 2016, Heimatlos


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durch den wald gehen, und die zweige brechen. durch den wald gehen, und die weißen augen herumwerfen
und unter die blätter bohren. über die brechenden zweige gehen, und die weißen augen drehen, sich durch den wald durchschütten im kreis, und das weiß der augen verdrehen: das augenweiß auswringen wie kochwäsche bei 90 grad, und die zweige brechen, über die zweige gehen, und die blicke brechen, die sich verlieren im weiß. : (wir sind durch den wald gegangen, ich habe mich umgesehen)

ich habe das knacken eines zweiges gehört.

wir sind beim feuer gesessen, und haben mit dem finger striche in die karten gelegt: die striche sind ausgestreut wie kleine boote, die finger sind in der karte gelegen, /die karte war mit fingern übersäht, die falten der karte sind voll mit fingern gelegen, die striche der finger haben die rillen der karte gequert, die kleinen boote sind routen abgefahren auf dem land, niemand hat die boote gestoppt, /keiner hat die boote gestoppt und angehalten, das feuer ist bei uns gewesen, um uns herum, das feuer ist nicht von seiner stelle gerückt, die stelle des feuers hat sich ausgeweitet um uns, das feuer hat uns umarmt, die finger sind in der karte gelegen, wir sind im feuer gestanden, du hast das feuer umarmt, ich habe mich in die karte gewickelt, es ist dunkel geworden, die karte hat feuer gefangen, ich bin in der brennenden karte gelegen, ich bin in der brennenden karte über den platz hin gerollt, der platz hat feuer gefangen, die lichtung hat gebrannt, /mein finger, in der karte, die finger, im feuer, im boot.
wir klappen die karten ein, und nehmen die finger zurück, als ob man sie noch brauchen kann.


BROCKEN AUS SOMMER UND WINTER, Arbeitsskizzen


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komm, wir nehmen einen der steine, aus denen der pflasterboden sich webt, und werfen ihn dem kutscher ins gesicht. vielleicht ändert er die richung, vielleicht besinnt sich das pferd.


AUF FREMDEN BILDER (GRÜßE VOM MICHAELERPLATZ), Anthologie exil Literaturpreis 2015


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Mann: Ich weiß nicht, ob ich mich zwischen vierzig verschiedenen Eissorten entscheiden kann, aber ich möchte niemanden verärgern.
Frau: Ich empfinde das Licht in diesem Eisgeschäft wie einen persönlichen Angriff, aber ich möchte niemanden verärgern. Wir sollten uns entscheiden.
Mann: Sie haben Recht. Ich finde auch, dass wir uns entscheiden sollten.
Stammgast: Sobald ihr es wisst, werde ich dem Eisverkäufer ein Zeichen geben.
Frau: Er wird wieder nicht reagieren auf ihr Zeichen, wir haben es doch vorhin schon gesehen.
Mann: Auf mein Zeichen hat er auch nicht reagiert, ich habe vorhin gewunken, so. (Winkt.)
Eisverkäufer: (Kommt.) Wenn ihr euch enschieden habt, werde ich die Bestellung entgegennehmen, dafür werde ich bezahlt.
Mann: Wir haben uns noch nicht entschieden.
Frau: Wir haben die Situation nur durchgespielt.


DIE GERÄUSCHE DER KÜHLMASCHINEN, kolik 52, Zeitschrift für Literatur


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